DIENSTAGSCLUB

am 16. Januar LIVE mit

L’Homme Machine“ – Georg Katzer
Michael Seifried und Jakob Sigl

Wir ordnen’s wieder und zerfallen selbst
Laura Schlagintweit und Natasha Yellinek

 

Eintritt: PAY AS YOU WISH

 

Über die Künstler:

Georg Katzers „L’homme machine“ für sprechenden Kontrabassisten und Live-Elektronik

 

Georg Katzer, 1935 in Habelschwert (Schlesien) geboren und 2019 in Berlin gestorben, gehörte zu den wichtigsten aus der ehemaligen DDR hervorgegangenen Komponisten und zu jener Generation der ungefähr zwischen 1930 und den frühen 1940er Jahren Geborenen, die ab etwa 1970 gegen heftige Widerstände kulturpolitischer Art einer radikal avancierten Musik Freiräume erkämpften und mit ihrer Kunst kritisch auf die Wirklichkeit im diktatorischen Staat reagierten. Neben Katzer zählten zu dieser Gruppe u. a. Reiner Bredemeyer(1929 – 1995), Paul-Heinz Dittrich (1930 – 2020), ChristfriedSchmidt (* 1932), Friedrich Goldmann (1941 – 2009), Friedrich Schenker (1942 – 2013) und Jörg Herchet (* 1943).
Katzers Œuvre ist äußerst vielgestaltig, umfasst sinfonische und konzertante Werke, Opern, Ballette, Ensemblekompositionen und Kammermusik für verschiedenste Besetzungen. Vor allem aber gehörte Katzer zu den Pionieren der elektronischen Musik in der DDR und gründete 1982 das Studio für Elektroakustische Musik an der Ost-Berliner Akademie der Künste, das er bis 2005 leitete. Er suchte Brückenschläge zur improvisierten Musik sowie zum Free Jazz und war in diesen Bereichen auch als ausübender Musiker im Bereich der Elektronik unterwegs. Solche Praxis schwingt auch in „L’homme machine“ mit, einem Werk, das sich auf eine historische Figur und einen historischen Moment bezieht: Julien Offray de La Mettrie, 1709-1751, war ein Arzt und Philosoph, radikaler Aufklärer und Atheist, der, weil er beim Sezieren die Seele nicht gefunden hatte, den Menschen für nichts anderes als eine Maschine hielt. Wegen seiner Thesen in Frankreich und den Niederlanden verfolgt, fand er Asyl am damals einzig wirklich liberalen Hof in Preußen und wurde von Friedrich dem Großen zum Leibarzt und Vorleser gemacht. 1748 stellte er sich bei Hofe mit einer Antrittsrede vor, und diese Rede ist quasi Gegenstand des hier in Rede stehenden Werkes, wobei Katzer zu La Mettries originalen Worten noch einiges hinzuerfand. Katzer war offenbar von der Radikalität und Modernität von dessen Vorstellungenfasziniert und hat zwischen 1985 und 2009 acht Kompositionen vorgelegt, die sich auf La Mettrie beziehen: „Mag man heute La Mettrie für einen verstiegenen Denker halten. Er war es aber, gemessen an seinem 18. Jahrhundert, nicht. Aus jetziger Sicht gibt es, wenn man nicht gleich an den geklonten und von außen steuerbaren Homunculus denken will, noch den anderen, für jeden Zeitgenossen erfahrbaren Aspekt der Durchdringung seines Lebens mit Technik, die ihn in absehbarerer Zukunft zum bloßen Sensor seiner Automaten degradieren könnte. Die Idee vom Menschen als Automaten ist Traum und Trauma zugleich.“
„L’homme machine“ für sprechenden Kontrabassisten und Live-Elektronik verdankt sich der Begegnung des Komponisten mit dem Kontrabassisten Matthias Bauer Mitte der 1990er Jahre, als Katzer den Musiker in einem Konzert eben nicht nur als virtuosen Instrumentalisten erlebte, sondern auch als jemanden, der mit seiner Stimme und mit Sprache umzugehen wusste. Für ihn und seine ganz spezifischen Fähigkeiten ist das Stück geschrieben worden – zunächst noch ohne Einbezug der Live-Elektronik – und wurde 1998 uraufgeführt. Als Matthias Bauer und Georg Katzer wenig später gemeinsame Einladungen erhielten, fügte der Komponist einen live-elektronischen Part hinzu, der freilich nie schriftlich fixiert wurde. „L’homme machine“ blieb – in der Solo- und der Duo-Version sowie in einer größer besetzten Musiktheater-Fassung – ein Paradestück von Matthias Bauer, der es bis heute wohl an 70 Mal gespielt hat. Er blieb lange Zeit der einzige Interpret des Werkes (freilich mit wechselnden Live-Elektronikern), bis das œnm .œsterreichisches ensemble fuer neue musik „L’homme machine“ 2023 aufs Programm eines Kammerkonzertes setzte, das in einen der ostdeutschen Musik gewidmeten thematischen Schwerpunkt eingebunden war. Matthias Bauer überließ den Interpreten Michael Seifried und Jakob Sigl eine Kopie des Manuskripts (das Werk erschien bislang nicht im Druck), agierte auch sonst sehr unterstützend und verwies auf eine Referenzaufnahme des Werkes, die unter Katzers Aufsicht entstanden war und an der insbesondere auch der Live-Elektroniker Orientierung finden kann, der ansonsten bei der Realisierung der von Katzer intendierten Klänge auf seine Kreativität verwiesen ist – eine Herausforderung, der sich ambitionierte Interpreten live-elektronischer Musik nur zu gerne stellen.
Jens Schubbe
 
 
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst
Ein versuchter Umgang mit Zerbrechlichkeit 

Laura Schlagintweit
2023, mixed media sculpture
 
 
Und wir: Zuschauer, immer, überall, 
dem allen zugewandt und nie hinaus!
Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. 
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.
 
Rainer Maria Rilke
 
 
Es wird ein Raum betreten über ein Feld aus gebrochenem Material – Eierschalen – welche im Akt des Betretens einmal mehr fragmentiert werden und in neue Einzelteile zerfallen.
Eben dieses Material versucht sich gleichzeitig im Raum seiner selbst zu bemächtigen und in der Schwebe wieder zusammenzufügen, sowie ein neues Ganzes zu bilden. Im Erleben des Installationsraumes schlängeln sich die BetrachterInnen durch ein Geflecht dieser vermeintlich fliegenden Bruchstücke hindurch und könnten jederzeit durch ihre Bewegungen mehr Zerstörung verursachen. Die BetrachterInnen werden Akteure in der Zerlegung eines Materials, welches gleichzeitig vor ihren Augen das Potential aufweist, wieder etwas Neues zu bilden.
Diese Ambivalenz von der Leichtigkeit des speziellen Werkmaterials der Eierschale zu der Härte seines Bruchs wird auch im deutschen Sprachgebrauch in verschiedenen Idiomen wie sich auf Eierschalen bewegen sowie einen Eiertanz aufführen verwendetum den Umgang mit Menschen zu beschreiben, die sich in besonders fragilen psychischen oder physischen Situationen befinden.
Das Fragment ist außerdem ein ästhetisches Objekt, das uns im besonderen Maße ermöglicht, in ihm die Erfahrung der Zerbrechlichkeit unserer selbst, der uns liebsten Menschen und unserer Lebenswelt gespiegelt zu sehen. In jedem fragmentierten Gegenstand werden wir mit unserer eigenen Zerbrechlichkeit oder Fragilität konfrontiert. Fragmente konfrontieren uns also mit der alles zermalmenden Zeit und der Wiederständigkeit der überlieferten Dinge gleichermaßen.
Wir erfahren uns selber in diesem Zwiespalt zwischen Bleiben und Überstehen.
 
Burdorf, Dieter, Zerbrechlichkeit. Über Fragmente in der Literatur. Wallstein 2020, S. 8

Datum

16 Jan 2024
Vorbei!

Uhrzeit

19:30